Demeter Baden-Württemberg
17. Januar 2018
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Gartenrundbrief 1/2018
Gartenrundbrief 1/2018

Forscherteam bestätigt Insektensterben

von Iris Mühlberger
Gartenrotschwanz mit Insekten für die JungvögelGartenrotschwanz mit Insekten für die Jungvögel
Foto: JuergenL/fotolia.com

Der Naturschutzbund NABU berichtet, dass ein internationales Forscherteam aus Holland, England und Deutschland den dramatischen Insektenrückgang in Nordwestdeutschland (GR 3/2016) in einer, in der internationalen Online-Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlichten, Studie bestätigt hätte. Die Forscher stellten damit die Beobachtungen des Entomologischen Vereins Krefeld auf eine wissenschaftlich abgesicherte Basis. So sei mit den Biomasseverlusten bei Fluginsekten von 76 bis 81 Prozent seit den 1990er Jahren ein klarer Negativ-Trend erkennbar. Insgesamt seien in einem Zeitraum von 27 Jahren 63 Standorte in Schutzgebieten unterschiedlichster Lebensräume, überwiegend in Nordwestdeutschland, untersucht worden. Der Rückgang wurde hauptsächlich im Flachland festgestellt. „Auch eine Auswertung von mehr als zwanzig wissenschaftlichen Studien aus Baden-Württemberg, Deutschland und Europa kommt zum gleichen Ergebnis“, räumt der baden-württembergische NABU-Vorsitzende Johannes Enssle ein. Auch für das Land belegten Studien, beispielsweise von der Schwäbischen Alb, die Abwärtsspirale beim Insektensterben. Im Randecker Maar hätten Ökologen sogar aufgehört, Schwebfliegen zu erfassen, weil das nach einem Rückgang um rund 77 Prozent keinen Sinn mehr ergäbe.

Zentrum für Biodiversitäts-Monitoring gefordert

„Wir haben es mit einer höchst dramatischen und bedrohlichen Entwicklung zu tun. Allein die Tatsache, dass es sich bei allen Untersuchungsflächen um verinselte Standorte handelt, in deren Umfeld zu mehr als neunzig Prozent konventionelle Agrarnutzung stattfindet, legt einen negativen Einfluss durch die Landwirtschaft nahe“, so Olaf Tschimpke, Präsident des NABUs. Der Verband fordert ein Deutsches Zentrum für Biodiversitäts-Monitoring einzurichten sowie den schnellen Aufbau eines bundesweiten Insekten-Monitorings. Als Vorbild könnte Nordrhein-Westfalen (NRW) dienen, in dem 2017 die Untersuchung von hundert Standorten angelaufen sei.


Haussperling mit reichem RaupenfangHaussperling mit reichem Raupenfang
Foto: K.-U. Häßler/fotolia.com

In anderen Ländern ähnlich

Der Landesvorsitzende des NABU in NRW, Josef Tumbrinck, begleitet die Arbeiten des Entomologischen Vereins Krefeld seit Jahren. Seiner Einschätzung nach finden in ganz Deutschland und wahrscheinlich auch in anderen europäischen Ländern ähnliche Entwicklungen statt. Langzeit-Untersuchungen aus anderen Staaten lieferten Hinweise darauf, dass es sich nicht nur um ein deutsches Phänomen handele. Auch die von der EU bestätigten Bestandsrückgänge von Vögeln (GR 4/2017), die auf Insekten als Nahrungsgrundlage angewiesen sind, dürften wahrscheinlich zu einem wesentlichen Teil auf den Insektenschwund zurückzuführen sein.


WespenschwebfliegeWespenschwebfliege
Foto: Mühlberger
Laufkäfer KörnerwanzeLaufkäfer Körnerwanze
Foto: Mühlberger

Nicht nur Klima und Biotopveränderungen sind schuld

In der PLOS ONE Veröffentlichung sei klargeworden, dass die zusätzlich in die statistische Auswertung eingeflossenen Daten zu Veränderungen des Klimas und von Biotopmerkmalen den überwiegenden Teil der Insektenverluste nicht erklären könnten. Es würde auch darauf hingewiesen, dass mangels verfügbarer Daten Einflüsse wie die Pestizidbelastung aus umliegender landwirtschaftlicher Nutzung, nicht berücksichtigt werden konnten. Die Datenlage sei dazu nicht transparent gewesen. In der Regel sei die intensive Landwirtschaft im Rahmen der so genannten guten fachlichen Praxis am Rand oder sogar mitten in Naturschutzgebieten ohne Einschränkung erlaubt. „Bis heute muss den Naturschutzbehörden nicht mitgeteilt werden, welche Pestizide in welcher Mischung und Menge auf Ackerflächeninnerhalb Schutzgebieten ausgebracht werden“, kritisiert Tumbrinck. Ein Verbot müsse in der jeweiligen Schutzgebietsverordnung ausgesprochen werden. Das würde aber nur in wenigen Fällen gemacht, obwohl es nach der von 2009 stammenden EU-Richtlinie für die „nachhaltige Verwendung von Pestiziden“ zur Abwehr negativer Einflüsse auf Schutzge biete vorgeschrieben sei. Der NABU fordert weiterhin, dass insbesondere die weltweit in der Kritik stehenden hochwirksamen Insektengifte aus der Stoffklasse der Neonikotinoide vollständig vom Markt genommen werden müssten. Mehr Infos: www.nabu.de/insektensterben