Auf den Samen kommt es an

 Möhrensaatgut

Auf den Samen kommt es an

von Michael Pickel und L.Watschong im Gartenrundbrief

Welches Saatgut das geeignetste für den Garten ist, lässt sich nicht immer leicht herausfinden. Zum Einen fehlen nähere Informationen zu den verschiedenen Züchtungsmethoden, zum Anderen kann meistens der Weg des Saatgutes nicht zurückverfolgt werden. Konventionelle Samen sollten im Biogarten prinzipiell nicht verwendet werden, da die Mutterpflanzen mit chemisch-synthetischen Pflanzenschutz- und Düngemitteln behandelt wurden. Das heißt, dass sie unter ganz anderen Bedingungen herangewachsen sind als im Bioanbau und sich ihr Wachstumsverhalten verändern kann. Auch die innere Qualität leidet bei konventionellem Nachbau, was sich anhand bildschaffender Methoden (Kupferchloridkristallisation, Steigbild) nachweisen lässt. Am allerbesten ist es, Biosamen aus der Region zu verwenden, da sie an die örtlichen Verhältnisse bestens angepaßt sind. Die Saatgutfirmen Bingenheimer Saatgut AG und Dreschflegel in Witzenhausen geben zum Beispiel Namen und Ort der Züchter inklusive Bodenart in ihren Katalogen an.

Jahrzehntelang ging es beim Gemüsesaatgut nur um die Frage gebeizt oder nicht. Die weitergehende Forderung, dass es auch von Pflanzen stammen sollte, die auf ökologisch bewirtschafteten Flächen wachsen, wurde kaum gestellt. Jedoch gab Rudolf Steiner in seinem „Landwirtschaftlichen Kurs“ schon 1924 Hinweise, wie zukünftige Alternativen in der Züchtung aussehen könnten. Die ersten, die sich nach dem letzten Krieg mit biologischer Züchtung von Gemüse beschäftigten waren Thomas Becker aus Wybelsum (Emden) und Ilmar Randuja (Schweiz). Ein weiterer Schritt wurde in den achtziger Jahren mit der Gründung des Initiativkreises für Gemüsesaatgut aus biologisch-dynamischen Anbau unternommen. Es war erstmalig das erklärte Ziel, Saatgut für den Erwerbsgemüsebau in ausreichender Menge und Qualität zur Verfügung zu stellen. Die Bingenheimer Saatgut AG und Dreschflegel begannen daraufhin ausschließlich Biosaatgut anzubieten. Heute führt fast jede konventionelle Saatgutfirma Biosamen in ihrem Programm. Aufgrund dieser Angebotsvielfalt sollten jedoch einige Begriffe im Zusammenhang mit der Qualität der Samen geklärt werden.

Einmalige biologische Nachzucht reicht aus

Biosamen sind nach der EU-Bio-Verordnung alle Samen, deren Mutterpflanzen nach biologischen Richtlinien angebaut wurden. Das heisst, ein nur einmaliger Bioanbau macht sie zu Biosaatgut. Die Züchtungsmethoden und der Anbau können über Jahre hinweg, bis zur Gewinnung des Elite-Saatguts, konventionell sein. Erst dieses wird zur weiteren Vermehrung auf ökologischen Flächen ausgesät. Diese Praxis verfolgen vorwiegend die größeren Saatgutfirmen. Ihre Flächen der letzten Bio-Nachbaustufe liegen in klimatisch günstigen Gebieten wie in Italien, Spanien, Afrika oder Amerika. Zum einen garantiert das dortige Klima optimale Ernten, zum anderen sind die Löhne billig. Um jedoch widerstandsfähige, klimaangepasste Sorten zu erhalten, sollten die Pflanzen nicht im warmen Süden verwöhnt werden, sondern unter hiesigen Bedingungen aufwachsen. Hier liegt die Chance und die Aufgabe der engagierten Bio-Züchter in Deutschland und Europa (Adressen hier). Sicherlich kann eine Sorte, die zum Beispiel in Frankreich bei der „Ferme Sainte-Marthe“ schon seit Jahren biologisch vermehrt wurde, auch in unserem Klima gut gedeihen – ein Versuch lohnt sich allemal. Biosamen dürfen nach der EU-Verordnung weder gentechnisch erzeugt noch chemisch gebeizt worden sein.

Eine Sorte braucht viele Jahre, um sich an biologische Methoden zu gewöhnen. Deshalb versuchen die engagierten Züchter möglichst viele biologische Vermehrungsstufen voranzustellen, bevor der Samen in den Verkauf kommt. Viele Sorten sind zwar ursprünglich auch konventionell angebaut und gezüchtet worden, werden aber schon Jahre ökologisch vermehrt. Hierzu zählen zum Beispiel Paprika ‚Yolo Wonder‘, Rote Bete ‚Rote Kugel‘ oder Knollenfenchel ‚Zefa Fino‘. Sie werden vom Initiativkreis nachgezüchtet. Bei „echten“ Öko-Sorten finden alle Züchtungsschritte auf ökologischen Flächen statt. Sie werden unter Gesichtspunkten gezüchtet, die sie von Anfang an für einen Anbau unter diesen Bedingungen geeignet machen. Die „echten“ Sorten lassen sich heute nur noch an zwei Händen abzählen. Diese ökologische Anbaueignung muß jedoch das Ziel und nicht ein Nebeneffekt der zukünftigen Züchtung von Biosaatgut sein.

Resistenzen können durchbrochen werden

Zur Zeit gibt es zwei unterschiedliche Herangehensweisen an die ökologische Züchtung: Die eine Seite achtet stark auf einzelne Merkmale und diese werden in eine bestehende Sorte eingekreuzt. Im Fall einer Widerstandsfähigkeit, zum Beispiel gegen Mehltau, wird dann von Resistenz gesprochen. Resistenzen scheinen oft nur an ein Gen gekoppelt zu sein (monogene Resistenzen), wie bei verschiedenen Pilzkrankheiten oder Blattläusen am Salat. Diese speziellen Züchtungen führten auch zu der Aussage, dass die Sorten mit den meisten Resistenzen für den ökologischen Anbau am geeignetsten seien. Sie können jedoch wieder vom Schaderreger überwunden werden, indem sich neue Pathotypen (Rassen) bilden. Für mehltauresistente Salatsorten werden deshalb bereits wieder Fungizidspritzungen empfohlen. Außerdem kann nicht jede gewünschte Resistenz eingekreuzt werden. Es dauert auch sehr lange, bis es zu einer anbauwürdigen Sorte führt. Beim Einkreuzen der Blattlaus-Resistenz in Salat sind 15 Jahre vergangen, bis die Sorten auf den Markt kamen.

Die entgegengesetzte Züchtungsrichtung ist die Selektion von Pflanzen, die in ihrem gesamten Erscheinungsbild durch ihre Robustheit positiv auffallen. Dies drückt sich unter anderem als Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten und Witterungsverhältnisse oder gutes Regenerationsvermögen aus. Solche Sorten werden bei entsprechender Kultur immer gut abschneiden. Sie bringen zwar selten Höchstleistungen, aber sie drohen auch nicht zu Flopps zu werden. Solches Saatgut sollte auch im Hobbygarten bevorzugt ausgesät werden. Es wird hauptsächlich von den kleineren engagierten Betrieben angeboten (Adressen hier). Fragen Sie andere Firmen nach der Art und Weise ihrer Saatgutgewinnung. Helfen Sie damit den Markt für „echtes“ Biosaatgut weiter anzukurbeln.